
Die Bukowina, einst legendäres östlichstes Kronland der Donaumonarchie, vom Czernowitzer Paul Celan mit den Worten: „Schwarz, wie die Erinnerungswunde, wühlen die Augen nach dir in dem von Herzzähnen hellgebissenen Kronland, das unser Bett bleibt: (…)“ beschwörend angerufen, war nach seinem vielzitierten, inzwischen „geflügelten“ Wort, als „Meridian“ eine Gegend gewesen, „in der Menschen und Bücher lebten“. Die sie bereisten, hatten Mühe, bei der Beschreibung dieses Landes nüchtern zu bleiben, weshalb man mit Anleihen bei Hölderlin ohne weiteres von einem „kulturell elementar begünstigten und herzerhebend lebendigen Daseinsraum“ sprechen kann, in dessen „von verschiedenen Charakteren der Natur“ hervorgebrachten Gestalt „alle heiligen Orte der Erde zusammen“ zu sein schienen „um einen Ort“.
Dieselbe Bukowina aber war es auch, von der Alfred Margul-Sperber während seiner Bukarester Jahre sagen musste, dass ihr natürliches Wahrzeichen, der Buchenwald, die fürchterlichste Assoziation mit dem deutschen Konzentrationslager der Klassikerstadt Weimar zulasse. Im Juni 1940 von der Roten Armee besetzt, ein Jahr darauf von den inzwischen mit Hitler verbündeten rumänischen Truppen und der SS zurückerobert, waren furchtbare Judenpogrome in der nördlichen Bukowina die Folge. Im Oktober jenes Jahres wurde das Czernowitzer Ghetto errichtet; Antonescu befahl die Zwangsumsiedelung der Juden nach Transnistrien. Die dorthin Verbrachten erwarteten Todeslager ohne Gas: An dessen Stelle traten sadistische Bewacher, Hunger Kälte, Fleckfieber.
Nicht nur den Autoren, die anfänglich „in“ der Bukowina gewirkt haben, wie Alfred Margul-Sperber, Rose Ausländer und Moses Rosenkranz, Alfred Kittner, Paul Celan, Celans Cousine 2. Grades Selma Meerbaum-Eisinger, David Goldfeld und Georg Drozdowski, Johann Pitsch, Kubi Wohl, Immanuel Weissglas und Alfred Gong ist es zu verdanken, dass sich die Bukowina als unverwechselbare literarische Landschaft im Ensemble deutscher poetischer Provinzen konturierte und als erinnerter Bezugspunkt im Bewusstsein der Zeitgenossen lebendig blieb, sondern mit Isaac Schreyer, Heinrich Schaffer, Victor Wittner, Erich Singer, Josef Kalmer, Klara Blum oder Emil Arnold-Holm auch solchen, die „bukowinafern“ – hauptsächlich in Wien – gelebt und geschrieben haben, und doch große Berührungsflächen mit der bukowinainternen Dichtung erkennen lassen.
Die bukowinische Dichtung des 20. Jahrhunderts hat vor dem Zweiten Weltkrieg poetische Eigen-Art hervorgebracht und dies mit all ihren Wirkungspotenzen und ungeachtet des Fragwürdigen, das ihr anhaften mochte, beeindruckend kultiviert. Sie hat in Gestalt ihrer Autoren Schicksalsextreme durchlitten und in ihrer Erscheinungsform Metamorphosen erfahren, die der stigmatisierenden Epoche geschuldet sind, und diese zugleich interpretiert. Und sie hat ihre Präsenz in der zeitgenössischen Literaturgeschichte nach dem zweiten Weltkrieg wiedererstritten und zu behaupten gewusst, solange auch nur einer ihrer Vertreter poetisch dazusein in der Lage war.
Es könnte scheinen, als hätten die bukowinischen Lyriker, die die Verfolgung und Vernichtung thematisierten, poetologisch bewusstlos geschrieben, nämlich das Unfassbare und mithin Unsägliche in alter Rede und traditionellen Lineaturen fasslich und aussprechbar machen wollen. Gleichsam gegen das – später relativierte – Diktum Adornos, dass es barbarisch sei, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben, haben sie im „Glauben an die unerschütterliche Validität der deutschen Sprache“ (Amy Colin) den Holocaust tatsächlich ohne grundsätzliche Erneuerung ihres lyrischen Instrumentariums zu gestalten versucht. Einzig Celan hat relativ früh, jedoch auch nicht von Anfang an, „gegen den Strich“ abgebildet, indem er die herkömmliche Semantik chiffrierte und gewöhnliche Strukturen aufbrach.
Diese Dichtung wollte ein Fluchtpunkt der Bewahrung sein, trostsüchtiges romantisches Herzland, und sie wollte es sehenden Auges sein, war sie doch mittelbar dem in Deutschland etablierten und unmittelbar dem in Rumänien heraufziehenden Faschismus konfrontiert. Was über sie hereinbrach, war „so alpdruckhaft beklemmend, dass – erst in der Nachwirkung, im nachträglich voll erlittenen Schock – der Reim in die Brüche ging“. Dass „Blumenworte welkten“. Dass „viele Eigenschaftswörter … fragwürdig“ wurden in einer „Welt, die dem >Mann ohne Eigenschaften< dem entpersönlichten Menschen gehörte“ (Rose Ausländer). Alfred Margul-Sperber ist der Deportation nach Transnistrien durch Flucht ins rumänische Altland, nach Bukarest, entgangen. David Goldfeld wiederum starb erst 38jährig, schwer an Tuberkulose erkrankt, 1942 in Czernowitz.
Alexander Kukelka
